Knut Elstermann führte natürlich gestern abend mit den Gewinnern des Goldenen Bären ein Interview.
Für sie wurde sogar das Radioprogramm über den Haufen geworfen,die Nachrichten fielen aus und die Sendung wurde um 20 Minuten überzogen.
Leider ist auf der rbb-Seite das Interview nicht vollständig wiedergegeben: http://www.rbb-online.de/berlinale/radioeins/index.html
Reinschauen lohnt sich trotzdem, alleine um die beiden zu sehen.
Wie sie sich anfangs aus ihren Mänteln fummeln, kommt mir bekannt vor.
Monat: Februar 2012
Resumée
Mein erstes Resumée zu dieser Berlinale:
- weniger völlig durchgeknallte Filme als früher (aber immer noch genug)
- sehr viele wirklich sehenswerte Filme
- viele politisch engagierte Filme, die sich Themen widmen, über die sonst wenig gesprochen wird
- schade, dass die Panorama-Reihe „Fucking different“ nicht weitergeführt wurde
- es gab 395 Filmen, von denen sah ich 6 und habe trotzdem das Gefühl, viel mitbekommen zu haben
- während der Berlinale ist es immer irgendwie kalt
Die Bären
Im Fernsehen verfolge ich die Vergabe der Silbernen und des Goldenen Bären.
Den Goldenen Bären bekommen tatsächlich die Brüder Taviani für „Cesare deve morire“!
Ich bin überrascht und freue mich mit.
Tanti auguri a loro!
Die Ökomenische Jury vergab ihren Preis ebenfalls an die Tavianis (dass es inzwischen eine ökumenische Jury gibt, wusste ich nicht).
Ich bin gespannt, ob Cesare deve morire hier irgendwo ins Kino kommt und wie das mit der Synchronisation gelöst wird.
Den Panorama-Publikums-Preis bekam „Parada“.
Der klingt sehr skurril und spannend.
Sechstens: Audre Lord
Samstag, für mich der letzte Berlinale-Tag.
Ich sehe mit Annegret im Panorama den Film „Audre Lord – The Berlin Years 1984 – 1992“.
Audre Lord war eine charismatische, schwarze, lesbische Autorin, die von Dagmar Schultz (Mitbegründerin des feministischen Frauengesundheitszentrums und des Orlanda-Verlags) als Gastprofessorin an die FU nach Berlin geholt wurde.
Audre Lord inspirierte viele schwarze deutsche Frauen zum Schreiben, setzte Impulse zur Gründung der afrodeutschen Bewegung und damit auch zur Aufarbeitung dieses Teils deutscher Geschichte.
Darüber erzählt Dagmar Schultz in ihrem Film in Interviews mit den Autorinnen May Ayim, Ika Hügel-Marshall u.v.a.m. und Fotos und Filmmaterial aus den 80ziger Jahren.
http://www.audrelorde-theberlinyears.com/
Ich finde, das ist ein wichtiges Zeitdokument, es lohnt sich, ihn zu sehen, aber man muss sich darauf einstellen, dass er auch etwas langatmig ist.
Bemerkenswert ist die immer wieder die Begegnung mit der Mode dieser Zeit – diesmal besonders scheußlich: die Brillen!
Davor gab es einen Kurzfilm „The Green Laser“, den ich anstrengend fand.
Die Lady neben mir zog sich während des Films mindestens drei Jacken an.
Annegret stellte mir großzügiger Weise auch noch ihre eine Jacke zur Verfügung, so hatte ich warme Knie.
Für die Zeit im Parkhaus musste ich 10.- € zahlen – 2 € mehr als die Kinokarte..
Freitag mit Foto
So sieht das auf dem roten Teppich vorm Berlinale Palast aus:

Die Nicht-Stars erkennt man daran, dass sie entsprechend der herrschenden Temperaturen gekleidet sind.
Meine Stimmung ist etwas gedämpft wegen des weiterhin nicht funktionierenden Computers und des sich nicht meldenden vermeintlichen Retters.
Ich hörte gerade die aktuelle Kolumne von Martenstein und dachte, so kann man sich Filmkritiken leicht machen und einen Eindruck vom Film vermitteln:
http://www.tagesspiegel.de/kultur/berlinale-kolumne-martenstein-die-letzte-sollen-wir-bruellen/6225218.html
Morgen gibt es die Bären, ich bin sehr neugierig, tippe darauf, dass „Barbara“ einen Bären bekommt, hoffe aber, dass „Cesare deve morire“ nicht leer ausgeht.
Buona notte e a domani (Ettore meinte heute, mein italienisch sei eingerostet – und so fühlt sich das auch an.)
Donnerstag
Die Sonne scheint, es treiben nur wenige Eisschollen auf der Spree. Die Heizung läuft auf halber Kraft, diesmal weil es so warm ist.
Auch heute gehe ich in kein Kino und bin überraschender Weise völlig im Reinen damit. Durchs Bloggen, wohldosierte Kinobesuche mit Begleitung und all die Berichte in Zeitungen, Radio, Fernsehen habe ich trotzdem das Gefühl „dabei zu sein“.
Mit Tina habe ich schon Eindrücke ausgestauscht, Annegret schreibt mails und berichtet, was sie gesehen hat und wie sie das fand. – Berlinale ist aufregend und macht Spaß.
Hier das Foto von Tina in ihrem Super-Berlinale-Outfit:

Was ich leider nicht gesehen habe – Teil 4 und sonst noch
Mein Computer macht Stress! Unvermittelt verschiedet sich der Bildschirm, es ist nichts mehr zu sehen, nur noch zu hören, was gerade läuft (Radio z.b.) und der Computer ist quasi nicht mehr erreichbar. Das Probelm ist leider reproduzierbar. Toll!!!
Jetzt sitze ich am Netbook und hoffe, dass der Computerreparierer bald Zeit und eine Lösung hat.
Gerade ist er wieder ausgegangen, nun läuft auch der Ton nicht mehr… Ach möööönsch…
Ulrike Öttinger – Die Nomadin vom See
Dokumentation über die die Filmemacherin Ulrike Öttinger. Sie wird dieses Jahr mit dem Special Teddy – Queer Film Award geehrt. Die Teddy-Preisverleihung und Party findet dieses Jahr wieder im Flughafen Tempelhof und ohne mich statt.
Berlinale Shorts
die zähle ich nicht detailliert auf, ich fand mehrere, die interessant klangen. Ich habe sehr unterschiedliche Erfahrungen mit den Kurzfilmen – von superspannend bis todlangweilig oder seltsam.Immer ein bisschen Nervensache.
Die Lage
In lakonischen Schwarzweißbildern dokumentiert Thomas Heise die Vorbereitungen des Papstbesuchs 2011 in Thüringen: das minutiöse Durchexerzieren des Empfangs, das große Polizeiaufgebot. Eine Region im Ausnahmezustand. – Ich hoffe aufs Fernsehen!
Die Vermissten
Die 14-jährige Martha ist spurlos verschwunden. Ihr Vater, der seit Jahren keinerlei Kontakt zu ihr hatte, begibt sich auf die Suche nach seiner Tochter und gerät in ein poetisch-spekulatives Zwischenreich vermisster Kinder – die indes keineswegs Opfer sind, sondern Deserteure aus freien Stücken, die der festgefügten Welt der Erwachsenen den Rücken gekehrt haben. Auch ein deutscher Film – hoffentlich so gefördert, dass er nochmal zu sehen ist.
Jayne Mansfield’s Car
Die kulturellen Umwälzungen der sechziger Jahre und die Kollision der Alten Welt Großbritanniens mit dem amerikanischen Old South bilden die historische Kulisse für intensive, dramatisch bis komisch inszenierte Kämpfe der Caldwells und Bedfords um althergebrachte Ressentiments, Rivalitäten und Geheimnisse. Das Erleben und Erinnern von Krieg, das macht der Film greifbar, hat nicht nur die Generation der Väter, sondern auch ihre Söhne nachhaltig geprägt. Darüber habe ich bisher nur Gutes gehört.
La mer à l’aube
Oktober 1941. Als Rache für das Attentat auf einen deutschen Offizier im besetzten Frankreich sollen 150 Männer erschossen werden. Volker Schlöndorffs Film basiert auf einem Bericht des Schriftstellers Ernst Jünger und den Abschiedsbriefen der Opfer. – mit Ulrich Matthes als Ernst Jünger. Hoffentlich irgendwann im Fernsehen! Die Kritiken waren bisher sehr gut.
Westerland
Sylt im Winter. Das Paradies eisig und verlassen. Am Strand ein Junge, Jesús, den es von irgendwoher auf die Insel verschlagen hat. Cem, der beim Ordnungsamt der Insel jobbt und später Landschaftsarchitektur studieren will, begegnet Jesús, als der sich gerade eine Plastiktüte über den Kopf zieht, um sich von der Welt zu verabschieden. Ein wunderbar schräger Anfang einer lakonischen Liebesgeschichte.
Und drumherum
Erstmalig ist es draußen nicht so saukalt wie an den Tagen vorher.
Für diesen Film bin ich mit Tina verabredet. Das Parkhaus meistern wir inzwischen souverän. Vorm Berlinale-Palast müssen wir noch ein bisschen anstehen, es gibt keinen Behinderteneingang und Tina schützt mich vor Dränglern. Ortskenntnisse (wo ist der Fahrstuhl, in welche Etage müssen wir,…), helfen auch.
Tina hat eine schicke, neue Jacke – eine Art Knut in Webpelz – und sieht mit Berlinalemütze und der farblich passenden, roten Tasche super aus! In die Jacke wickelt sie sich während des Films ein. Es ist wieder recht frisch im Kino. Was soll das? – Das muss doch auch für die Promis in ihren dünnen Roben unerträglich sein.
Nach dem Film wollen wir zusammen was trinken und über das Gesehene reden. Das ist am Potsdamer Platz nicht so einfach, es ist natürlich überall voll, richtig schön ist es kaum irgendwo und deshalb nehmen wir das räumlich naheliegenste, die Bar vom Hyatt. Hier ist es voll, aber nicht nervig, es gibt neben Cocktails auch Kaffee (zu Preisen, über die ich hier nicht sprechen möchte) und wir finden einen gemütlichen Platz zum reden.Wir sind voll der Eindrücke, die wir austauschen, sortieren kommt später.
Von hier aus kommen wir – als echte Auskenner – später trockenen und warmen Fusses ins Parkhaus. Tina „bringt mich noch raus“ und zieht dann weiter zum nächsten Film heute abend. Ich fahre zufrieden und voller Gedanken zu „Was bleibt“ nach Hause. Es hat ein kleines bisschen geschneit.
Fünftens: Was bleibt
Der zweite deutsche Film im Wettbewerb. Der englische Titel lautet übrigens „Home for the Weekend“, was mir besser gefällt.
Die Story: Marko, 35, lebt in Berlin, hat ein Kind, ist offenbar getrennt von der Mutter des Kindes und fährt übers Wochenende zu seinen Eltern – ins alte West-Deutschland nach Siegburg bei Bonn, in den 70ziger Jahre Bungalow zu den bildungsbürgerlichen Eltern und seinem etwas jüngeren Bruder, einem smarten, jungen Zahnarzt, der in Siegburg geblieben ist und von den Eltern finanziell unterstützt wird (und damit unselbstständig bleibt). Die Eltern haben eingeladen, beide wollen was Wichtiges sagen. Marko hofft auf ein Wochenende mit gut essen, ausschlafen, abhängen ohne Stress.
Die Neuigkeit des Vaters: Er verkauft seinen erfolgreichen Verlag und widmet sich nun endlich, den anderen Dingen, die ihn interessieren (Reisen, Schreiben, Segeln); die Neuigkeit der Mutter: Sie nimmt nach 30 Jahren seit 2 Monaten keine Psychopharmaka mehr und traut sich nun sogar, mit ihrem Mann nach Jordanien zu reisen. – Allen verschlägt es die Sprache. Man hatte sich eingerichtet und jetzt kommt alles durcheinander: Die Pläne des Vaters, die er ohne sie konzipiert hatte, die betäubte und betäubende, verlässliche Familienkonstellation. Bei den Söhnen läuft auch alles nicht prima, aber man spricht nicht darüber. Es erschien wohlgeordnet und jetzt verrutscht es, damit kommen die anderen Brüche und Schwierigkeiten an die erstarrte Oberfläche. Wie im „richtigen“ Leben gibt es nicht zwangsläufig eine heilsame Katharsis, mit der sich alles in Wohlgefallen auflöst.
Hans-Christian Schmid entwickelt das langsam und konsequent, nicht fulminant oder laut, die Dramatik spielte sich überwiegend in meinem Kopf ab. Das ist toll gemacht, großartig gespielt von Corinna Harfouch, Ernst Stötzner und den anderen Darstellern. Es gibt eine wunderbare Szene, in der der Schlager von Charles Aznavour „Ich kann Dich einfach nicht mehr sehen“ gesungen wird, das ist der darstellerische Höhepunkt – auch der dramatische – da scheint alles möglich.
Mir gefiel der Film sehr gut, nur am Ende faserte er aus: Es ist Winter, was man daran sieht, dass auf den – unverändert belaubten – Sträuchern im Vorgarten Kunstschnee liegt. Ähnlich unscharf inszeniert wirkte der Schluss auf mich.





