Siebtens: Natural Resistance

C. und ich gehen vorm Kino was essen und landen beim (nicht besonders freundlichen) Spanier am Savignyplatz.Wir lassen uns die Laune nicht verderben, essen reichlich und fahren dann zum Potsdamer Platz.
Eigentlich wollte ich einen anderen italienischen Film (In grazia di Dio) sehen, bekam aber keine Karten dafür.

Panorama Dokumente
Sprache: italienisch, englische Untertitel

Es geht um „alternative“ Weinbauern in Italien und darum, wie die Regeln der DOC-Vereinigung und EU-Richtlinien zu standardisierten Weinen und toten Böden führen. Man sieht männliche und weibliche Weinbauern durch ihre Weingärten laufen, eine wacklige Kamera begleitet sie. Wenn man leicht seekrank wird, ist das mit der Kamera ein Problem, auch die schnellen Kameraschwenks erinnern an schlimme Heimkinoabende. Ab und zu treffen sich die Weinbauern mit anderen Weinbauern und philosophieren über Weinbautradition. Zur Runde gehört auch ein mailänder Filmkurator, der Ausschnitte aus alten, hauptsächlich italienischen Filmen beisteuert. Der Zusammenhang zwischen diesen Filmschnipseln und dem Thema hat sich uns nicht immer erschlossen. Die Protagonisten genügten sich selbst und hatten Spaß beim Diskutieren. Dabei zu sein, statt ihnen vom Kinosessel aus zuzusehen, wäre sicher die nettere Variante gewesen.
Ich hatte die Hoffnung, mehr über ökologischen Weinbau zu erfahren. Das gab es leider gar nicht. Beeindruckend fand ich den deutlich sichtbaren Unterschied der Erde des „konventionellen“ und des ökologisch betriebenen Wenbergs. Das ist auch die Botschaft des Films.
Spannend war für mich, genau das zu sehen, was U. mir vor einer Woche in Bezug auf Ackerland im Allgäu erklärt hatte.

Hinterher gingen wir noch was trinken (Weinschorle bzw. Alsterwasser).

Sechstens/zweiter Teil: Anderswo

Perspektive deutsches Kino
Sprache: Deutsch, hebräisch, englisch, jiddisch

Noa lebt seit ein paar Jahren in Berlin mit ihrem Freund Jörg zusammen. Sie kam aus Fernweh, liebt Berlin einschließlich der Kälte, sie studiert und arbeitet an einem Wörterbuch über „Wörter, die sich nicht übersetzen lassen“. Als sie dafür kein Stipendium, aber Jörg evtl. eine Stelle in Stuttgart bekommt, fliegt sie spontan nach Israel, nach Hause, zu ihrer Familie, der Sonne, der Muttersprache. Doch dort landet sie schnell wieder in alten Konflikten mit ihrer Schwester, ihrer Mutter, dem Alltag in Israel und schließlich liegt ihre geliebte Großmutter im Sterben. Dann kommt auch noch Jörg unerwartet nach Israel und ihre verschiedenen Lebenswelten prallen aufeinander. Das ist komisch, traurig, voller Sehnsucht, Lebensfreude und Suche nach Heimat.

Hier gibt es einen typischen Filmausschnitt:
http://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=20143530#tab=video25

Ich wollte es kaum glauben: Es ist der Abschlussfilm (Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“) von Ester Amrami, die das Drehbuch zusammen mit ihrem deutschen Lebensgefährten (Momme Peters) geschrieben hat!

Die DarstellerInnen sind wunderbar, die Geschichte überzeugend und voller guter Ideen, – alleine die Videoaufnahmen zu den unübersetzbaren Wörtern sind klasse. Ein toller Film! Er ist schon fürs „Filmdebüt im Ersten“ im Fernsehen angekündigt. Sehenswert.

Sechstens/erster Teil: El carro azul / The Blue Car

Heute holt B. mich ab. Wir fahren ins Parkhaus am Potsdamer Platz und finden auf Anhieb den richtigen Fahrstuhl. Wir haben sogar noch Zeit für einen Cocktail im CinemaxX, – sehr lecker und eine gute Einstimmung. Als wir eine halbe Stunde vor Beginn zum Kino gehen, gibt es schon eine lange Schlange und ein ziemliches Gewühle, B. geht vor und ich warte, bis das Geschiebe weniger geworden ist.

Heute gibt es einen Vorfilm.

Deutscher Kurzfilm (20 Min.)
Sprache: Spanisch, englische Untertitel

Der Film
spielt in Kuba, Hansel kehrt aus der schwulen Szene San Franciscos zurück nach Hause, um sich nach dem Tod der Großmutter um seinen Bruder Marcos (mit Down-Syndrom) zu kümmern. Die beiden können nicht mehr viel miteinander anfangen. Marcos vermisst die Großmutter, verbringt die meiste Zeit auf dem Balkon und spielt, was er mit der Großmutter immer spielte: warten auf ein orangefarbenes Auto. Hansel versucht, wieder Kontakt zu seinem Bruder aufzubauen – was am Ende auch gelingt.

Die Regisseurin ist eine junge Frau von der Kölner Filmhochschule, die im Rahmen eines Austausches ein halbes Jahr auf Cuba gelebt hat und dann dort diesen Film gedreht hat.

Letztes Drittel

Gestern habe ich nochmal eine erholsame Pause eingelegt und heute beginnt das letzte Berlinale-Drittel für mich. D.h. ich sehe bis Sonntag noch 3 Filme.

Dafür hatte ich Zeit zum Lesen und fand die Glosse von Harald Martenstein sehr schön: http://www.tagesspiegel.de/kultur/martensteins-berlinale-viii-kunstscheiss/9479820.html
Auf der gleichen Seite findet sich auch ein Video, in dem H. Martenstein im Zoo-Palast ein bisschen über die Berlinale rumhpilosophiert.

Nicht mehrere Filme an einem Tag, sondern höchstens einen zu sehen, bedeutet, dass ich nicht völlig erschöpft bin, immer noch die Orientierung darüber, was ich gesehen habe und damit leben muss, dass ich gaaaanz viel Spannendes versäumt habe.

Diesmal habe ich gar keinen Wettbewerbsbeitrag gesehen. Dafür habe ich nach diesen Kriterien entschieden: mindestens einen politisch interessanten Film, in dem ich etwas erfahre, worüber ich bisher nichts weiß (Papilo Buddha), eine interessante Dokumentation (Finding Vivian Meier), mindestens einen italienischen Film (kommt noch), einen zur DDR-Geschichte (Anderson), „großes Kino“ (Someone you love), einen zu einem Thema, das mich interessiert (Calvary), einen aus der Sektion „gut und skurril/klug und witzig“ (hoffentlich heute abend), ein typisches Berlinale-Erlebnis (Papilio Buddha).

Es fehlte völlig: ein Lesbenfilm. Früher gab es mal sehr interessante , letztes Jahr einen sehr schönen, dieses Jahr nur einen Kurzfilm und dafür gefühlte 20 Filme zu schwulen Themen.

Fünftens: En du elsker / Someone you love

Heute gehen wir mittags ins Kino, die Sonne scheint, es ist Frühling in Berlin.
Ich bin wieder mit A. unterwegs und wir sehen im Zoo-Palast in der Berlinale Special-Sektion einen Film von Pernille Fischer Christensen, die 2006 einen silbernen Bären für „En Soap“ bekam.

Sprache:
Dänisch, Englisch, Schwedisch mit englischen Untertiteln

Der Protagonist Thomas Jacob, gespielt von Mikael Persbrandt, ein Singer/Songwriter, der weltweit bekannt ist und kehrt nach längerer Abwesenheit in seine Heimat Dänemark zurück. Eine der ersten Szenen: Er sitzt mit seiner Assistentin, die sich um die vollständige Organisation seines Lebens kümmert, im Fond des feudalen Autos, sie sagt, dass seine Tochter Julie ich mit ihm treffen und er fragt, warum? – sie antwortet: Weil sie Deine Tochter ist!? Er lebt völlig eingeigelt, seine Tochter kommt ihn mit ihrem kleinen Sohn Noa besuchen, es wird klar, sie kokst und muss in eine Suchtklinik, es gibt niemanden sonst, der sich um Noa kümmert und so bleibt er bei Thomas. Sehr langsam entwickelt sich eine Beziehung zwischen Enkel und Großvater, dann stirbt Julie. Thomas ist nicht bereit, sich wirklich um Noa zu kümmern, seine eigene (Drogen/Sucht-) Geschichte droht, ihn einzuholen, die angebotene Unterstützung seiner (sehr schönen) Produzentin und langjährigen Freundin nimmt er nicht an. Mikael Persbrandt spielt sehr überzeugend einen unsympathischen Egozentriker und es wirkt auch nicht platt, wenn ab und zu etwas Sympathisches aufflackert. Dazu singt M. Persbrandt (selbst!), die Musik spielt eine große Rolle, ist irgendwo zwischen Leonard Cohen, Johnny Cash und Tom Waits angesiedelt und gefällt mir.

A. fast es beim Rausgehen sinngemäß so zusammen: Geradeaus erzählt, ohne merkwürdige Entgleisungen – einfach ein normaler, gut gemachter Kinofilm. – Das bringt es auf den Punkt, noch ergänzt durch melancholische Musik. – Keine Sensation, aber ein Film, der durch seine Hauptdarsteller (Sofus Rønnov spielt den Jungen Noa) überzeugt.

Im Film war Winter, als wir rauskommen, blendet uns die Sonne – und wir gehen was essen.

Viertens: Anderson 2. Teil

Der Film

Sascha Anderson (*1953) war ein in West wie Ost bewunderter Star der DDR-Literatur- und Kunstszene in den 80er Jahren. 1986 übersiedelte er nach West-Berlin. 1990 kam raus, dass er seine Freunde und Kollegen über Jahre für die Stasi bespitzelt hat. Er hat sich regelmäßig mit seinen Führungsoffizieren getroffen und unter drei verschiedenen Deckamen  seitenlange Berichte und „psychologische Einschätzungen“ abgegeben, auch nach seinem „Umzug“ nach West-Berlin arbeitete er weiter für die Stasi. Enttarnt wurde er von Wolf Biermann und Bruno Fuchs.

Ann Kathrin Hendel (*1964) baut in einem Studio detailgetreu die Küche nach, in der sich die Freunde in den 80er Jahren im Prenzlauer Berg trafen. Dort interviewt sie Sascha Anderson und Ekkehardt Maaß, außerdem spricht sie mit Wilfriede Maaß, die sich wegen Anderson von ihrem Mann trennte und anderen ehemalige Freunde, zu denen auch Roland Jahn (Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde) gehörte.

Sie fragt Anderson nach seiner Motivation für den Verrat an den Freunden und wie er heute dazu steht. Dazu gibt es Musik, Fotos und Filmausschnitte von damals, auch ein Gedicht Andersons wird mehrfach zitiert: „Vor dem Gartenhaus stehen drei Birken, die heißen / Schuld und Sühne, ich weiß welche die Liebste mir ist“. Deutlichere Antworten gibt er nicht.

Sie spricht ebenso mit den ehemaligen Weggefährten und Bespitzelten, von denen Ekkehardt Maaß am deutlichsten seine Wut äußert: „In anderen Gesellschaften hätte man ihn nicht überleben lassen, da steht auf Freundesverrat der Tod.“. Alle anderen sind erstaunlich zurückhaltend mit Ärger, Wut oder ähnlichen Emotionen. Sie sind vor allem enttäuscht.

Q&As

Außer Roland Jahn sind alle ProtagonistInnen des Films anwesend. Jetzt wird auch klar, warum nicht alle in einer Reihe sitzen, sondern übers Kino verstreut – es ist weiterhin schwierig miteinander. Fragen werden an Anderson und an E. Maaß gestellt und die Antworten darauf sind einfach eine Fortsetzung des Films. Dann regt sich heftiger Protest: Einige Frauen stehen auf und empören sich darüber, dass S. Anderson mit diesem Film erneut eine Bühne geboten wird, auf der er sich ausbreiten kann. Es entsteht eine emotionale Diskussion, das, was im Film fehlte, kommt jetzt und das ist vermutlich auch die Idee, die A. K. Hendel bei ihren Filmen hat: Die Menschen zum Fragen und zum Reden (miteinander) zu bringen.

Wie Calvary ( hier geht es ebenfalls um Tabuthemen) ist auch dieser Film der mittlere Teil einer Triologie. „Anderson“ und „Vaterlandsverräter“ werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Am ehesten spiegeln diese Filme den aktuellen Stand der Aufarbeitung wider. Es sind Filme über Schuld, Verrat, Vertrauen, Moral und den Umgang damit.

Viertens: Anderson 1. Teil

Mit A. sehe ich heute im International „Anderson“, d.h. diesmal kein Parkhausgewurschtel, sondern einfach hinfahren, auf dem Mittelstreifen parken und A. treffen, die gerade aus der U-Bahn kommt.

Beim Reinkommen ins Kino fällt mir auf, dass keine zusammenhängende Reihe für die Filmcrew freigehalten wurde, sondern immer nur einige zusammenhängende Plätze in unterschiedlichen Reihen. Das ist ungewöhnlich. Auffällig auch, dass viel mehr wirklich alte Leute im Kino sind als sonst meist auf der Berlinale, viele scheinen sich zu kennen, begrüßen sich herzlich. Unmittelbar vor uns zwei Reihen entfernt nehmen Edgar Selge und seine Frau Franziska Walser Platz. Ihre Schwester Alissa, Schriftstellerin und ebenfalls Tochter von Martin Walser ist seit einiger Zeit mit Sascha Anderson verheiratet. – Mich würde sehr interessieren, wie die sich alle gegenseitig finden.

Auch Paul Gratzik, der Protagonist von Ann Kathrin Hendels letztem Film „Vaterlandsverräter“, ist da. Den film fand ich schon spannend, auch sehr widersprüchlich und nicht leicht verdaubar. http://www.grimme-institut.de/html/index.php?id=1742

Wieland Speck gibt eine kurze Begrüßung und Einführung.

Verschiedenes

Diese Impression stammt aus dem Zoo-Palast.

Während der Berlinale in den letzten Jahren war immer „die Berlinale und das Wetter“ ein Thema für mich.
Diesmal ist es völlig anders als sonst: kein Schneetreiben, keine schwer überwindlichen Schnee-Eis-Hügel vorm Haus, – sondern Frühling in Berlin. Auch die Heizung bei uns im Haus ist dieses Jahr bisher nur einmal ausgefallen, was bitte gerne so bleiben mag!
Das macht vieles leichter für mich.

Trotzdem hatte ich die Berlinale-Pause gestern nötig. Jetzt habe ich mich erholt, lese den blog von Tina und Steve und stelle fest, dass Tina offenbar keine Probleme mit dem Verstehen der Dialoge
in „Calvary“ hatte und bin beeindruckt.

Heute nachmittag geht es weiter und ich bin sehr gespannt auf „Anderson“.

Intermezzo

Heute ist Berlinale-Pause.
Ich habe heftige Nackenschmerzen und freue mich über den Physiotherapie-Termin. Der findet zum ersten Mal in der neuen Praxis statt und danach geht es mir deutlich besser.

Ich ruhe mich etwas aus, habe Zeit zum bloggen und das diesjährige Berlinale-Frühstücksbrettchen zu fotografieren…

Drittens: Calvary

Der Film
beginnt in einem Beichtstuhl einer Kirche in Irland.
Ein Mann, der vermeintlich zur Beichte kommt, eröffnet Pfarrer Lavelle (Brendan Gleeson) , dass er als Kind jahrelang von einem Priester missbraucht wurde und sich nun rächen wird, indem er Father Lavelle töten wird. Er gibt ihm eine Woche Zeit, sein Leben zu ordnen. Wenn E. und ich das richtig verstanden haben, will er Father Lavelle umbringen, weil er unschuldig ist, wie er als Kind unschuldig war.
In der Folge versucht Lavelle herauszufinden, wer sich hinter der Stimme verbirgt und so lernen wir die skurrilen Mitglieder seiner Gemeinde kennen. Zuerst ist das auch komisch, dann verdichtet es sich immer mehr und wird spannend.

Das Problem:
Wir haben fast nichts verstanden.
Anfangs war ich noch zuversichtlich und dachte, ich werde mich schon noch einhören. Irisch ohne englische Untertitel war dann offenbar nicht nur uns zu unverständlich, was ich daran festmachte, dass es wenige „Inseln“ im Publikum gab, die an verschiedenen Stellen lachten, während es rings herum keine Reaktionen gab und mir der Gag auch rätselhaft blieb. E. und ich tauschten hinterher aus, was wir verstanden hatten – das war so ziemlich das Gleiche und ausreichend, um den Plot zu verstehen, aber der Humor ist uns verschlossen geblieben, genauso wie die Abgründe der Handlung und die Tiefe der Charaktere. Wir werden uns den Film nochmal ansehen, wenn er auf deutsch oder mit Untertiteln rauskommt.

Bei uns gab es keine Q&As, was sehr schade war, aber inzwischen habe ich die aufschlussreiche Videokonferenz gesehen: http://www.berlinale.de/de/im_fokus/videostreaming/2014/06_streaming_2014_1.html#navi=3&item=6153

Bewertung:
Das ist ein sehenswerter Film.
Die eindrucksvollen Bilder, die Landschaft, die Charaktere, die Musik und vor allem der großartige Brendan Gleeson mit seiner vielschichtigen Präsenz trugen die Spannung so, dass mir trotz der fehlenden Anbindung nicht die Lust am Film verging.