Zoo-Palast

Heute werde ich von E. mit dem Auto abgeholt und gehe zum ersten Mal in den neuen Zoo-Palast, der kurz vor der Berlinale nach mehrjähriger Umbauzeit fertig geworden ist. Ich bin sehr neugierig und finde, der Umbau ist gelungen. Wir sind so früh da, dass ich noch den üppigen Vorhang fotografieren kann. Ich freue mich über die enorme Beinfreiheit und bin gespannt auf den Sound, von dem E. schon schwärmt.

Als der Film beginnt, gibt es bei der anwesenden Filmcrew ein beeindrucktes Raunen – Sound und die Bilder auf der großen Leinwand kommen wirklich gut.

Zweitens: Finding Vivian Maier

Vom Hauptbahnhof fahre ich zum Potsdamer Platz und treffe mich mit T.
Nachdem wir das mit dem Parkhaus ohne Probleme geregelt und unsere wesentlichen bisherigen Eindrücke ausgetauscht haben, sehen wir „Finding Vivian Maier“.

Die Handlung:
(Dokumentarfilm, Sprache: englisch)
John Maloof ersteigerte vor einigen Jahren einen privaten Nachlass auf einer Zwangsversteigerung. Neben vielen persönlichen Dingen (Briefen, Hüten, Blusen, Schuhen, Erinnerungsstücken aller Art) findet er unentwickelte Schwarz-weiß-Filme und Negative. Auf diesen Fotos sind amerikanische Alltags-Straßenszenen vor allem aus den 50er und 60er Jahren von einer ungeheuren Intensität zu sehen. Er entwickelt immer mehr von diesen Filmen und fragt sich, wer die Fotos gemacht hat. Im Nachlass findet er ihren Namen: Vivian Maier. Wer war sie? Warum wurden ihre Fotografien nie entdeckt? John Maloof beginnt, zu recherchieren. Er folgt den Lebensspuren von V. Maier, die 2009 im Alter von 83 Jahren einsam starb. Sie arbeitete über 40 Jahre lang als Kindermädchen in den wohlhabenden Vorstädten von Chicago. Er interviewt die Familienmitglieder, bei denen sie lebte. Sie beschreiben V. Maier als verschlossen, zurückgezogen, skuril, geheimnisvoll, sie lebte allein, hat keine Kinder, ein Elternteil stammt aus Frankreich (wohin sie zweimal reiste) und war immer mit ihrer Rolleiflex unterwegs. Auch Ausflüge mit den anvertrauten Kindern nutzte sie zum Fotografieren; sie fotografierte immer, auch als ein Kind einen Unfall hatte, nimmt sie die Szene auf: das Kind, die Umstehenden,…
Daneben machte sie viele Aufnahmen von sich in Spiegeln, Schaufenstern, etc.
Sie hat unglaublich viele großartige sw-Fotos, aber auch Farbfotos und Filme hinterlassen, es sind noch lange nicht alle entwickelt und gesichtet. J. Maloof verwaltet ihren Nachlass, hat schon verschiedendlich Ausstellungen organisiert, die regen Anklang fanden.
Mehr Infos: http://www.vivianmaier.com/

Mir gefiel der Film sehr gut. Und er wirft viele Fragen auf: wer war sie? wem hat sie die Fotos jemals gezeigt? wo kam sie her? wie geht man mit diesem Nachlass um – was darf man, was nicht? was dachte sie selbst darüber? wie kam sie zu der Kamera? wie zum fotografieren, ….

Samstag

Heute reist U. leider wieder nach Hause ins Allgäu und ich bringe ihn zum Hauptbahnhof. In den vergangenen, sehr schönen Tagen haben wir viel gesehen.

Quasi als Überleitung zum nächsten Film, den ich sehen werde, hier ein Hinweis auf eine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, in der wir waren:

Fotos von Barbara Klemm. Viele Fotos sind bekannt, ohne dass ich wusste, von wem sie sind. Im Rahmen der Ausstellung sahen wir in einer Doku über B. Klemm, wie sie reist, wie sie fotografiert, wie sie mit teilweise nur kurzen Blicken Kontakt aufnimmt zu den Menschen, die sie fotografiert während sie z. B. über einen Markt geht. Dabei ist sie unaufgeregt, freundlich und wirkt gleichzeitig präsent und bescheiden.

Sehenswert! Läuft noch bis 9. März: https://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/gropiusbau/programm_mgb/veranstaltungsdetail_mgb_ausstellungen_56925.php

Erstens: Papilio Buddha


Den ersten Film sehen wir im Cinestar, das mit dem Parkhaus (diesmal ein anderes als gestern) klappt prima, ich finde den richtigen Parkplatz zum passenden Fahrstuhl).

Die Handlung:
(Sprache: Malayalam mit englischen Untertiteln)
Der Film beginnt mit Naturaufnahmen in Kerala. Der Protagonist Shankaran fängt Schmetterlinge, sogar schließlich einen Papilio Buddha, einen seltenen Schmetterling, dann trifft er seinen schwulen Freund Jack, der ihn nach Hause begleitet, wo Shankarans Vater ist, der Anführer einer Gruppe von Dalits, Kastenlosen oder Unberührbaren. Als nächstes wird das Leben der Dalits gezeigt, die in einfachen Hütten im Wald leben und um ihre Rechte kämpfen. Aus Sicht der Polizei sind sie Terroristen. Shankaran kommt ins Gefängnis und Jack wird ausgewiesen. Shankaran hatte den Traum durch Jack in die USA zu kommen, wo er auf bessere Chancen hofft. Es gibt die ersten wirklich furchtbaren Szenen (die mir viel zu heftig und zu lang waren), als Shankaran von der Polizei gefoltert wird.Dann kommt eine Frau aus der Gruppe der Dalits in den Fokus, die Taxi fährt, von männlichen Taxifahrern angemacht wird, sich wehrt und später in eine Falle gelockt und vergewaltigt wird (s.o.). Die Dalits organisieren sich, wollen für ihre Rechte kämpfen und kritisieren den Hinduismus als System, das das Kastenwesen und die damit verbundenen Ungerechtigkeiten aufrecht erhält. Sie wenden sich dem Buddhismus zu. Mittlerweile organisiert sich eine Gruppe von Neo-Ghandisten (zur Kaste der Bramahnen gehörig, alle in weißen Gewändern und Nehru-Kappen), um etwas zu unternehmen. Sie beratschlagen sich, alles sehr ruhig und gesittet und beschließen, zu tun, was Ghandi ihrer Meinung nach tun würde: zu fasten. Schließlich ziehen sie zum Lager der Dalits und predigen Frieden, während die Polizei sich ebenfalls in Position bringt. Dann fällt die Polizei gewalttätig über die Dalits her, denen nichts bleibt, als zu fliehen. Am Ende sieht man die Dalits in langen Reihen durch die Landschaft ziehen.

Hier gibt es Ausschnitte: http://papiliobuddha.com/

Der Film ist sehr langsam erzählt, ich finde den Plot überfrachtet, mir sind das zu viele Erzählstränge, jeder einzelne dieser Stränge (wie hängen Kastenwesen und Hinduismus zusammen, die rechtlose Situation der Dalits in Indien, die Situation der Frauen in Indien, sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Männer in Indien, die Sehnsucht nach einem anderen Leben und wie diese Sehnsucht ausgenutzt wird,…) reicht für einem eigenen Film. Das Anliegen der Regisseurs wird deutlich und scheint mehr als berechtigt, aber mir ist zu viel auf einmal drin. Bei den Q &As wird berichtet, dass der Film in Indien zensiert wurde und es Schwierigkeiten gibt, ihn zu zeigen.

U. und ich sind anschließend beide ziemlich platt.

Berlinale-Beginn

Donnerstag, die Berlinale beginnt. Vormittags hole ich die Karten ab, nachdem ich die Nachricht bekommen habe, es hätte alles geklappt.

Wie immer sind alle supernett, wie immer ist dann aber doch irgendwas anders. Die Karten für den Panorama Publikums Preis habe ich u.a. nicht bekommen, dafür eine für den Film „Blind“ (der mich nicht interessiert) und für Natural Resistance (der mich interessiert).

U., mein Besuch aus dem Allgäu ist mit und wir gehen als nächstes in die Potsdamerplatz-Arkaden, um Berlinale-Souvenirs zu erwerben. Ein bisschen von der Aufregung der bevorstehenden Eröffnung ist zu spüren, am roten Teppich ist schon alles schick.

Auch wie immer:
Das Parkhaus und wo müssen wir jetzt hin?
Wir probieren eine neue Variante: Ich fahre zum Ticketschalter, U. steigt aus und zieht den Parkschein (was nur geht, wenn das Auto auch vor dem Schalter steht), ich fahre durch die Schranke und U. steigt wieder ein. Beim Rausfahren das Gleiche entsprechend. Den richtigen Standort für den kürzesten Weg fand ich nicht, aber ich habe ja wieder Gelegenheit, das zu erkunden.

Anders als sonst:
Das Wetter.
Es herrschen frühlingshafte Temperaturen, die letzten Schneereste sind weggetaut, bzw. werden am Potsdamer Platz von Männern in Anzug und Mantel weggeschippt.

Aus dem Programmheft


Beim Studieren der Filme und ihrer Inhalte fand ich diese bemerkenswerte, irgendwie auch Berlinale typische Beschreibung. Ich finde, diejenigen die das formulieren, sind Künstler!


Nebel 
aus der Sektion Perspektive Deutsches Kino

„Ein Film wie ein fein gewebtes Gespinst. Unwägbarkeiten vereinend. Worum es geht? Um etwas, was jeder kennt, das jedoch in jedem anders klingt und sich niemals verschriftlichen ließe. Man könnte es einfach ein inneres Dröhnen nennen.“

Vorschau

Der einzige Film, den ich letztes Jahr sah, war „Reaching for the moon“, eine spannende Geschichte über lesbische Frauen in Brasilien, eine davon ist die Lyrikerin Elisabeth Bishop.

Ab April kommt er mit dem weichgespülten Titel „die Poetin“ (??) und mit diesem Plakat ins Kino.

Ich fand den Film sehenswert, er erzählt eine ungewöhnliche Geschichte, hat wunderschöne Bilder.

Auswahl

Nun habe ich eine Auswahl getroffen, was wie immer nicht einfach war. Welche ich davon bekomme, weiß ich natürlich nicht. Die Aufregung steigt langsam.

Bei der Lektüre des Programmes fällt auf:

  • Außer eines Kurzfilms gibt es diesmal keinen Lesbenfilm
  •  Das Thema „blind“ scheint in verschiedenen Variationen ein Schwerpunkt der diesjährigen Berlinale zu sein
  • es gibt so viele deutsche Filme vor allem im Wettbewerb wie schon lange nicht
  • es gibt nach einer Pause mal wieder einen Film aus der Rubrik „fucking different“ – aber den möchte ich diesmal nicht sehen