zum Schluss


Der Titel des letzten Filmes passt gut zu meinem Gefühl dieser Berlinale: Die Tage sind wie im Flug vergangen, ich hatte viel Spaß, wunderbare Treffen mit FreundInnen, habe spannende Filme gesehen, Einblicke in fremde welten bekommen. Zum Berlinale-Erleben gehören auch die Filme, die mir nicht so gefallen haben. Und es gibt noch so viele andere, die ich gerne gesehen hätte, von denen hoffentlich viele demnächst ins Kino kommen.

Die Bären und anderen Preise sind vergeben.
Der Film, in dem wir aus Versehen waren, hat – als einziger von denen, die ich gesehen habe – einen Preis bekommen: 600 Millas/Meilen von Gabriel Ripstein – für den besten Erstlingsfilm.

 So sieht meine Pinnwand jetzt aus – alle Karten weg und Platz für was Neues. Bis nächstes Jahr.

The days run away like wild horses over the hills

Zum zweiten Mal habe ich Karten für den Zoo-Palast 2, diesmal weiß ich es und Co. und ich gehen in das richtige Kino!

Es mag das richtige Kino sein, für den Film kann man das nicht so sagen. Aus der Filmbeschreibung:
„… die Momentaufnahmen des Alltags in diesem Film wirken wie Gedichte: drei junge Frauen an einem Sommerabend in einer fast leeren Wohnung. … spielt fortan in der von einem langen Leben vollgestopften Wohnung der polnischen Großmutter. Auch zu ihr kommen Freundinnen zum Reden. Ein Mann ist gestorben, sie trinken Tee, das Leben geht weiter.“ – angeblich eine Reflexion über weibliche Werdegänge, die Lebensabend und Lebensanfang verbindet in deutsch-englisch-polnisch.

Bei den Q&As erfahren wir, der Regisseur hat die Frauen gefilmt, die in seinem Leben eine Rolle spielen oder gespielt haben. Leider wirkt das so völlig banal. Die alten Ladies in Polen sind berührend, sie hätten einen anderen Rahmen verdient.
Gut gefallen hat mir, dass der Film erst sw ist und im Laufe einer Szene, in der sich eine Frau langsam schminkt, wird auch der Film allmählich farbig. Das ist eine super Idee und kommt gut.

Co. fasst es treffend zusammen: Da hat er eine hübsche Sammlung von Bildern zusammengetragen, – jetzt muss er sie nur noch sortieren.

Die Fotos von den Q&As sind nichts geworden, weil die roten Samtvorhänge derartig reflektieren, dass sonst nichts zu erkennen ist. Deshalb ein Eindruck vom Kino – so sieht Saal 2 aus…

Feelings are facts: The life of Yvonne Rainer

T. und ich fangen wieder mit essen und reden an.

Als wir dann recht früh zum Kino kommen, ist quasi gleich Einlass – ganz ohne Schlange, das gibt es also auch. Wir haben Zeit, zu schauen, wie sich das Kino füllt.

Aus der Berlinale-Ankündigung: “ 1966 revolutionierte Yvonne Rainer mit ihrer Performance „Trio A“ den modernen Tanz, indem sie auf radikal unspektakuläre Weise das menschliche Bewegungsrepertoire analysierte.“ Sie ist 1933 in den USA geboren, hatte mit 56 Jahren ihr coming out als Lesbe und gewann 1997 den Teddy Award (den schwul-lesbischen Filmpreis der Berlinale).

Als Ballett und Modern Dance Begeisterte waren wir gespannt. Wieder ein Film, der mit Archivaufnahmen und Interviews arbeitete, aber was für ein Unterschied zu gestern. Ob es an der Protagonistin („sie will auf keinen Fall gefällig wirken“) oder am Regisseur lag, weiß ich nicht. Es gibt ganz viel, was eigentlich sehr spannend klingt: sie entwickelte sozialpolitische Choreografien, begann mit 65 nach einer Einladung von Baryshnikov wieder auf der Bühne zu arbeiten, arbeitet mit altersgemischten Tanzgruppen,… – ich lege trotzdem immer mal wieder kleine Schlafphasen ein.

In einem ZEIT-Artikel lese ich, dass hinter ihren bewusst unspektakulären Choreografien intellektuelles Kalkül steck.- T. findet der Film hätte treffender: „Wo sind die Gefühle?“ geheißen.

Bei den Q&As wird über ihren Humor (?), Minimalismus und Strukturalismus gesprochen und als die Produzentin darüber referiert, dass alles Tanz ist, auch wenn sie dort einfach steht, widerspricht T. und ich gebe ihr auch hier Recht. Wenn alles Tanz ist, ist auch alles Nicht-Tanz und ich falle gleich wieder Trance.

Draußen scheint die Sonne über dem Potsdamer Platz und ein Hauch von Frühling liegt in der Luft.

What happened, Miss Simone?

Heute gibt es die tiefgründigen Gespräche vorm Film. Nach einem zweiten Frühstück (Apfelstrudel) im Sonycenter gehen T. und ich in einen politischen Musikfilm.

Ich wusste kaum was über Nina Simone, obwohl ich ihre Musik mag und oft höre. Also war ich neugierig auf diesen Film. Die Regisseurin Liz Garbus hat reichlich Bild- und Tonmaterial gesammelt, gesichtet und zu einer eindrucksvollen Dokumentation zusammengestellt.

Nina Simone wurde 1933 als Eunice Wayman in North Carolina geboren. Mit vier Jahren begann sie, in der Kirche, in der ihr Vater Prediger war, Klavier zu spielen und galt als große Begabung. Damitwurde sie zur Außenseiterin wurde: als Schwarze bei den Weißen nicht nicht anerkannt und später auch nicht zugelassen am Konservatorium, als gefördertes, Klavier spielendes Kind/Jugendliche nicht innerhalb ihrer Peergroup akzeptiert. Sie war in klassischer Musik ausgebildet, kam aus Geldnot in den 50er Jahren zur Barmusik und entwickelte einen eigenen Stil, schrieb eigene Songs, wurde Ende der 50er Jahre bekannt. Sie engagierte sich in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, heiratete, bekam eine Tochter. Ihr sehr eigener Stil beschränkte sich nicht auf die Musik, sie trug außerordentliche Kleidung und ein eigenwilliges Stiling.
Nach den Gewaltausbrüchen in Birmingham Mitter der 60er Jahre (vor allem gegen demonstrierende Kinder) radikalisiert sie sich, was sich auch in ihrer Musik ausdrückt (Mississippi Goddam). In Interviews, Film- und Konzertausschnitten wird ihre weitere Geschichte, die aus manisch-depressiven Phasen besteht, in Liberia, der Schweiz und Südfrankreich bis zu ihrem Tod 2003 erzählt.
Bei den Aufnahmen der jungen Nina Simone kommt eine überwältige, anrührende Energie rüber, später wirkt sie fragil und verstört, dazwischen voller Wut. Ein vielschichtiges Portrait einer beeindruckenden Künstlerin.

Bei den Q&As ist neben der Regisseurin Nina Simones Tochter Lisa Stroud da.Sie tritt unter dem Namen „Lisa Simone“ auch als Sängerin auf.

nach dem Kino

sehen wir uns etwas auf dem Potsdamer Platz um

und am Schluss sehen wir die Burmesen beim Abendessen, geben ihnen zu verstehen, dass wir den Film sahen und winken uns gegenseitig zu.

Golden Kingdom

„Golden Kingdom“ läuft in der Sektion Generation Kplus, was bedeutet: der Film ist nicht erst ab 18 Jahren freigegeben und zusätzlich zu den englischen Untertiteln gibt es live eingesprochenen deutschen Text neben dem Ton in der Originalsprache, in dem Fall burmesisch.

Ich bin mit Ce. hier, die zum ersten mal auf der Berlinale ist und ich sehe zum ersten Mal einen Film, der in Myanmar spielt. (Dabei denke ich an Andreas und Beatrix, die dort gerade waren und wundervolle Fotos von ihrer Reise auf ihrem blog veröffentlichen – schöne Grüße an Euch nach Südostasien!)

Wir sehen 4 Jungs, Kinder und doch schon kleine Mönche bei ihrem Alltag, aufwachen, sich waschen, beten und meditieren in einem abgelegenen Kloster in Myanmar. Der einzige Erwachsene des Klosters, ein alter Mönch, muss eines Tages weg und die vier sind auf sich alleine gestellt. Sie machen alles weiter wie gewohnt, aber sie haben Angst, reale und eingebildete Phänomene mischen sich, mal sehen sie böse Geister, dann hört man Schüsse, sieht Rauchschwaden und Schemen von Soldaten.

Das alles ist sehr langsam erzählt und erstaunlicher Weise ohne Spannung. Es gibt ewig lange Einstellungen, was ich eigentlich mag, aber der Bogen ist ein bisschen überspannt. Ce. und ich dösen ab und zu etwas weg, Ce.s Nachbarin schnarcht leise.

Erzählt ist alles aus der Sicht der Kinder, die nicht einordnen können, was das ist, das um sie herum geschieht und welche Bedeutung es hat: Die Menschen, die sie mit Essen versorgt haben, sind weg, einer der kleinen Mönche findet 2 Leichen, es taucht ein verletzter Soldat auf, der später stirbt, sie haben Hunger und nichts zu essen, nur rohen Reis, aber nichts, um ihn zuzubereiten. Die Alltagsrituale geben ihnen Halt und sie sich gegenseitig. Es steht für aktuelle unsichere Situation in Myanmar.

Aufregend: 2 der Kinder sind aus Myanmar zur Berlinale angereist, einer mit seinem Vater, der andere, auch im realen Leben ein Novize. Wie muss das für sie sein hier in dieser völlig anderen Kultur??

Der Mann mit der Glatze ist der Regisseur Brian Perkins, ganz links die Produzentin.

Bei den Q&A werden sie genau das gefragt (Übersetzung von deutsch nach englisch nach burmesisch und wieder zurück) Der kleine Mönch strahlt einfach nur und sagt etwas, das ungefähr mit „ich bin glücklich“ übersetzt wird.

Woman in Gold

Heute geht es früh los, um 9.20 steure ich auf das Haus der Festspiele zu

und bin nicht zu früh da, es gibt schon eine Schlange.

Bis aufgemacht wird, dauert es noch etwas, E. kommt und nach dem Einlass finden wir einen Platz, wo ich mein Bein ausstecken kann (was nach dem gestrigen Knie-Tod-Sitz dringend nötig ist).

„Woman in Gold“ in deutsch und englisch mit jeweiligen Untertiteln und internationaler Besetzung basiert auf einer realen Geschichte. 

Über 8 Jahre befindet sich Maria Altmann (Helen Mirren) mit ihrem Anwalt E. Randol Schoenberg im Rechtsstreit mit dem Österreichischen Staat um Gemälde, die bis 1938 im Besitz ihrer Familie waren und nach dem „Anschluss Österreichs“ konfisziert wurden. Eines dieser Klimt-Gemälde wurde, im Belvedere hängend, als „österreichische Mona Lisa“ weltberühmt. Österreich leugnete die Raubkunst-Zusammenhänge.

Maria Altmann entstammt einer großbürgerlichen jüdischen Wiener Familie (Bloch-Bauer), der Anwalt ist der Enkel von Arnold Schönberg. Ihre Tante Adele Bloch-Bauer wurde mehrfach von Gustav Klimt gemalt (Moritz Bleibtreu – erzeugt Irritation und Lacher weil er wie ein schlecht verkleideter, wirrer Zausel aussieht). Adele ist die „Frau in Gold“, das Bild hing im Salon der Familie. Es wird ein lebendiges Bild dieser beiden Familien gezeichnet bis zu dem Bruch durch den Regimewechsel. Gemeinsam mit ihrem Mann Fritz gelang Maria gerade so noch die Flucht, 1942 kamen sie in den USA an, wo sie seitdem bis 2011lebte und mit fast 95 Jahren starb. Was mit ihren Eltern geschah, wird nicht ausgesprochen.

Eigentlich hatte Maria mit all dem abgeschlossen, aber nach dem Tod ihrer älteren Schwester, fallen ihr im Nachlass Briefe in die Hand, die alles wieder in Bewegung bringen. Der Film zeigt vor allem die vielen verschiedenen Gefühle, die dieser Restitutionsstreit mit sich bringt, genauso wie die Frage, ob sich das alles lohnt und was sich damit ändert. Zuerst kämpft Maria vor allem um Anerkennung dessen, was ihrer Familie angetan wurde und anfangs würde ihr diese Anerkennung genügen. Die Ignoranz und Überheblichkeit der Zuständigen auf österreichischer Seite ist atemberaubend. Einen „guten“ Österreicher gibt es mit dem Journalisten Hubertus Czernin (Daniel Brühl), der ihr wichtige Hinweise gibt.

Der Film nahm mich mit auf diese Achterbahn der Gefühle. Helen Mirren ist wie immer großartig, Allan Corduner als ihr Vater hat mich sehr beeindruckt.

1992

Heute bin ich zum ersten Mal während einer Berlinale im „Haus der Berliner Festspiele“. Hier gibt es eine interessante Dekoration in den Bäumen:

Hier ist der Platz für die Fotografen:

Ich gehe mit meinem Italienischlehrer zur Weltpremiere von „1992“. Es sind viele Italiener da, fast 3 Reihen sind reserviert für die Crew, Aufregung liegt in der Luft.

In „1992“ geht es um die Mani-pulite-Aktion („saubere Hände“), in der durch umfangreiche juristische Untersuchungen gegen Korruption, Amtsmissbrauch und kriminelle Verflechtungen vorgegangen wurde. Die Ermittlungen führten zum Zusammenbruch der beiden großen Parteien (Democrazia Cristiana, Partito Socialista Italiano) und zum Ende der sog. 1. Republik, gleichzeitig ging aus den Wahlen 1992 erstmalig die Lega Nord gestärkt hervor.

Der Film ist eine Produktion fürs Fernsehen (was man merkt), er besteht aus mehreren Teilen und wir sehen die ersten beiden. Das deutsche und das britische Fernsehen haben schon Interesse an der Miniserie angemeldet. An Hand von 6 Personen (aus der Wirtschaft, Politik, Polizei, den Medien, einem Afghanistan-Heimkehrer, der Geliebten eines Politkers) wird die Entwicklung der Ermittlungen und deren Folgen gezeigt. Die Mani-Pulite-Aktion war ein wichtiger Einschnitt in der italienischen Geschichte mit vielschichtigen Folgen bis heute – wie man weiß, wurde die Korruption in Italien damit leider nicht besiegt.

Ich bin kein Serienfan, aber das ist spannend. Der Italienischlehrer moniert das Fehlen eines Kirchenvertreters in der Reihe der Protagonisten und ergänzt mein spärliches Wissen.

Spannend wird es dann noch nach dem Film als ich mit dem Auto vom benachbarten Parkplatz will und keinen Kassenautomaten finde. E. findet ihn schließlich und ich habe zum Glück übers Jahr genügend Münzen für die diversen Parkhaus/platz-Kassen gesammelt.

Über die Jahre

Der einzige deutschsprachige Film, den ich diesmal sehe – wobei deutschsprachig relativ ist. Ich bin froh über die englischen Untertitel, den Niederösterreichischen Dialekt verstehe ich kaum.

A. und ich haben uns auf 188 Minuten eingestellt. Nikolaus Geyrhalter hat im Waldviertel (einem strukturschwachen Teil Niederösterreichs) gefilmt. Er beginnt mit Bildern aus einer Stofffabrik (gegründet um 1850) und mein Foto-Herz schlägt gleich höher: so schöne alte Maschinen und Räume! Leider ist auch schnell klar, dass das nicht mehr lange weiter geht. Hier ist die Zeit stehen geblieben, die wenigen verbliebenen Mitarbeiter verrichten ohne Hektik ihre Arbeit, zu der auch Schnee schippen gehört und antworten wortkarg auf die Fragen des Regisseurs.
Ursprünglich war das Projekt auf maximal 4 Jahre angelegt, es wurden 10 daraus. Die Firma geht in Konkurs, die Menschen werden arbeitslos, der Firmeninhaber ist insolvent, sie erleiden Schicksalsschläge, gehen ihrem Alltag nach, manche finden wieder Arbeit, andere nicht, eine Frau zieht in unsäglichen Umständen ihre Enkel groß.

Die Art, wie Nikolaus Geyrhalter fragt, ist einfach und empathisch; wie bei der Langzeitdokumentation „Die Kinder von Golzow“ http://www.kinder-von-golzow.de/index.php/zum-gegenstand/die-filme.html gibt das den Menschen Raum, nachzudenken, zu spüren und ggf. auch nicht zu antworten. Über die Jahre entwickelt sich ein Kontakt zwischen dem Beobachter und den Beobachteten, die Scheu vor der Kamera geht verloren, ein Protagonist, der anfangs fast gar nicht spricht, reflektiert über das Leben und beginnt Gedichte zu schreiben. Aus der Filmbeschreinung: „Was als Dokumentation eines aussterbenden Industriezweigs begann, entwickelt sich so über zehn Jahre hinweg zu einer epischen dokumentarischen Erzählung über Arbeit und Leben im postindustriellen Zeitalter. Es ist ein großer, ein ergreifender, den Menschen zugewandter Film.“

Stimmt! Im allerbesten Sinne ist das ein berührender Film.
Einige der Protagonisten sind aus dem verschneiten Waldviertel angereist. Bei den Q&As sind auch sie voller Anerkennung für den Regisseur.

Am Schluss gibt es ein Gedicht: