È finito

JedeR bastelt sich ihre eigene Berlinale mit den Filmen, die man sich aussucht und den Karten, die man dann bekommt. In jedem Jahr ergeben sich daraus andere Schwerpunkte.

Dieses Mal habe ich drei Filme über politische Entscheidungen gesehen, die bis heute nachwirken und die Menschen zeigten, die mit Aufrichtigkeit und persönlichem Einsatz versucht haben, die übernommenen Aufgaben im Sinne der von diesen betroffenen Menschen so gut wie möglich zu erfüllen. Jedesmal standen andere Machtinteressen dagegen, die sich durchgesetzt haben. Nicht zufällig werden jetzt gerade solche Filme gedreht. Sie machen gleichzeit Mut und Hoffnung und zeigen auch Aussichtlosigkeit und dass es schwer ist, Machtinteressen und Gewinnstreben etwas entgegen zu setzen.

Vier Filme zeigten biographische Aspekte oder ganze Lebensläufe von KünstlerInnen (zwei MusikerInnen, zwei MalerInnen). Die fand ich bewegend, ernüchternd, ermutigend.

Zwei drehten sich um Paar-/Freundschafts-Beziehungen, von denen eine scheitert, die andere mit dem Tod endet.

„Wilde Maus“ hat von allem etwas; das relativ offene Ende deutet an, was besten Falls möglich, aber auch machbar ist: mit einander reden können ist die halbe Miete.

Das waren 11 wunderbare Tage mit FreundInnen im Kino, aufregenden Filmen, tollen Gesprächen, Suche nach Fotomotiven und viel Spaß beim bloggen.

A prossima volta!

Viceroy’s House

1947, Viceroy’s House in Dehli, es wird geputzt und poliert für die Ankunft von Lord Mountbatten, der mit Frau und Tochter als neuer Vizekönig die Aufgabe hat, nach 300 Jahren englischer Herrschaft Indiens Übergang in die Unabhängigkeit zu organisieren. Zur gleichen Zeit beginnen Jeet, ein junger Hindu und Aalia, eine junge Muslima ihre Anstellung im Palast. Sie kennen sich aus der Zeit als Jeet Aufseher in dem Gefängnis war, in dem Aalias Vater inhaftiert war und ihm geholfen hat, die Zeit dort durchzustehen.

Die Verhandlungen sind festgefahren weil Jinnah auf einem eigenständigen Staat besteht, was Gandhi und Nehru nicht wollen. Die Situation spitzt sich immer mehr zu, die Konflikte zwischen Hindus, Moslems und Sikhs werden immer heftiger. Die englische Regierung übt Druck aus in Richtung Bildung von 2 Dominions, also Pakistan mit muslimischer Bevölkerung und Indien mit als multiethnischen Staat mit überwiegend Hindus.

Am Beispiel der beiden Angestellten wird gezeigt, was diese Entwicklung für die Bevölkerung bedeutet. Letztlich wird auch Mountbatten benutzt, um eine längst ausgearbeitete Lösung zu implementieren, die England den Zugang zu den Ölvorkommen sichert und die Grenzziehung zwischen beiden Staaten, die ohnehin unrealistisch ist, orientiert sich an den Wünschen der westlichen Staaten, die im beginnenden kalten Krieg vor allem die Zugänge der UdSSSR begrenzen wollen. In der Folge dieser Entscheidung kommt es zur bis dahin größten Flüchtlingsbewegung der Geschichte: Ungefähr 10 Millionen Hindus und Sikhs wurden aus Pakistan vertrieben, etwa 7 Millionen Muslime aus Indien. 750.000 bis eine Million Menschen kamen ums Leben.

Regie in diesem opulenten, sehenswerten Film führt eine Frau, Gurinder Chadha, deren Familie unmittelbar in die tragischen Ereignisse nach dem Ende des British Empire verstrickt war.

Noch ein Buchtipp: „Um Mitternacht die Freiheit“ von Collins und Lapierre, 1983 erschienen und zum Glück immer wieder neu aufgelegt (manchmal auch unter dem Titel „Gandhi“) weil es in drei  sich abwechselnden Erzählsträngen (1. Geschichte Indiens, 2. Biographie Gandhis, 3. Entwicklung der Unabhängigkeit mit Blick auf Mountbatten) auf 575 Seiten so spannend wie ein Krimi darlegt.

11. und letzter Tag

Heute geht es nochmal in den Berlinale-Palast. Es wird schon überall abgeräumt und umgebaut, der

rote Teppich ist eingerollt und der Einlass entspannter als sonst.

zum Mit- und Nach-Schauen!

Hier gibt es die erwähnte Laudation von Barrie Kosky an Geoffrey Rush zu sehen:

http://www.berlinale.de/de/im_fokus/videostreaming/videos/Videos.html#item=40829

Die Bären sind vergeben, die Wahl der Jury nachvollziehbar und unter dem obigen Link findet man Videos der Preisverleihung.

Morgen sehe ich den letzten Film im Rahmen des Berlinale-Publikums-Tages, auf den ich mich sehr freue (ich hörte von E., dass er gut ist).

Die Erkältung ist noch da, aber die eingefangenen Keime waren nicht allzu krass oder die Gegenmaßnahmen und Filmbegeisterung stark genug als Gegengewicht.

10. Tag – Ana, mon amour

Dieser rumänische Wettbewerbsfilm hat gerade den silbernen Bären für den besten Schnitt (Dana Bunescu) bekommen. http://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=201711626#tab=filmStills

Toma und Ana lernen sich während des Literaturstudiums an der Uni kennen, schon beim ersten Treffen hat Ana eine Panikattacke, die erleidet sie immer öfter und immer heftiger. Toma reagiert verständnisvoll und fürsorglich, will Ana helfen, geht mit ihr zu Ärzten. Gegen den Widerstand beider Elternpaare, ziehen sie zusammen und heiraten. Sie brauchen einander und isolieren sich als Paar. Als Ana schwanger wird, überredet Tomas sie zu einer Psychoanalyse, die sie peu à peu stärkt, durch seine Hilfe macht sie Karriere bei einer Zeitschrift. Nun wird Tomas instabiler, eifersüchtig unterstellt er eine Affäre, letztlich trennen sie sich und Tomas  geht zum Psychoanalytiker. Ana sagt, „es ist so schade, dass wir nicht beide wachsen konnten.“

Ungeheuerlich: Anas Familie! Da gibt es abgründige Szenen. Auch sonst gibt es Intimes zu sehen, was man in dieser Deutlichkeit im Film meist nicht zu sehen bekommt.

Mich beeindruckt die auch äußerlich frappierende Verwandlung der beiden Protagonisten, die über einen Zeitraum von ungefähr 8 Jahren zu sehen sind.

Es gibt Anklänge an die rumänische Vergangenheit, – der Regisseur Călin Peter Netzerwidmete sich auch schon in anderen Filmen zwischenmenschlichen Beziehungen, mit denen er die Befindlichkeiten des postkommunistischen Rumäniens untersuchte. Und man bekommt kurze, intensive Einblicke in die rumänisch-orthodoxe Kirche, das rumänische Gesundheitssystem und eine Ahnung von den tabuisierten gesellschaftlichen Untiefen. Der Film ist mit langen Rückblenden in die Vergangenheit ziemlich verschachtelt aufgebaut.

Masaryk

Wir sind bei der Premiere des tschechischen und slowakischen Films http://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=201712398#tab=video25, also zweier Länder, die als Tschechoslowakei bis 1992 eines waren, gegründet 1918 u.a. von Tomáš Garrigue Masaryk.

Dessen Sohn Jan ist die Person, um die es geht. Im Oktober 1939 wird er in eine psychiatrische Klinik in New Jersey eingeliefert: Sein desolater psychischer Zustand hat mit der politischen Situation seines Landes und seiner Hilflosigkeit, daran etwas zu ändern, zu tun. Als tschechoslowakischer Botschafter in London hat er verzweifelt versucht, Großbritanniens und Frankreichs Regierungen zur Unterstützung gegen Hitlers Einmarschpläne zu mobilisieren. Diese Gespräche mit Chamberlain, Halifax, dem französischen Botschafter und Edvard Beneš, dem tschechoslowakischen Staatspräsidenten, werden in ihrer ganzen Dramatik und Vergeblichkeit gezeigt. Jan Masaryk glaubt, dass er als Diplomat versagt und „Schande“ über das Erbe seines Vaters gebracht hat. In Gesprächen mit Dr. Stein, einem (für die Story erdachten) emigrierten deutschen Psychoanalytiker, bekommt er wieder Boden unter den Füßen, die (real existierende) amerikanische Schriftstellerin Marcia Davenporthat verliebt sich in ihn und unterstützt ihn.

Die gezeigte Zeitspanne umfasst nur ca. 2 Jahre. Ab 1940 war Jan Masaryk dann Außenminister der tschechoslowakischen Exilregierung in London und ab 1945 der ersten kommunistischen Regierung, bis er 1947 unter ungeklärten Bedingungen ums Leben kam.

Buchtipp:
Ich habe schon länger ein Buch im Regal, das ich angefangen habe zu lesen, nachdem ich die Karten für den Film bekam: Madeleine Albrights Winter in Prag. Sie schreibt spannend und informativ über die lesenswerte Geschichte dieses kleinen – ehemaligen – Landes im Herzen Europas und der Ideen, die zur Gründung geführt haben und auch heute noch Geltung haben.

9. Tag – International

Im Nieselregen ist der Fernsehturm am Alex verschwunden. Dafür ist heute vorm International der rote Teppich ausgerollt – wir gehen zu einer weiteren Welturaufführung.Im Nieselregen ist der Fernsehturm am Alex verschwunden. Dafür ist heute vorm International der rote Teppich ausgerollt – wir gehen zu einer weiteren Welturaufführung.

Wieder ist hier alles entspannt im freundlichsten – und schrillsten Kino der Berlinale.

Wir dürfen mit dem Fahrstuhl hochfahren und können oben sitzen bis Einlass ist und der Blick frei ist auf den blau leuchtenden Kinosaal.

Kongens nei/The King’s choice

Wieland Speck kündigt die Deutschlandpremiere dieses norwegischen Films mit internationaler Besetzung im Panorama an. http://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=201714102#tab=filmStills

Mich interessiert der Film, weil ich vor einiger Zeit von V. ein Buch geschenkt bekam, das mich gefesselt hat und neben der Familiengeschichte erzählt, welche Krise der norwegische König und die Regierung in Abwehr einer faschistischen, norwegischen Regierung um Vidkun Quisling durchmachten. Unbedingt lesenswert: http://www.dumont-buchverlag.de/buch/tb-crott-erzaehl-es-niemandem-9783832162306/
A. ergänzt noch, dass dieses Buch gerade als Film erschienen ist: http://www.realfictionfilme.de/filme/erzaehl-es-niemandem/index.php

Zurück zur Berlinale:
Es beginnt mit Filmausschnitten von 1905, als nämlich der erste demokratisch gewählte König in Norwegen ankommt. (Norwegen hatte sich von Schweden unabhängig gemacht; um das zu sichern, brauchten sie einen Monarchen, kuckten sich den dänischen Prinzen Christian aus, der unter der Bedingung annahm, dass in einer Volksabstimmung geklärt wird, ob die Norweger damit einverstanden sind.)
35 Jahre später sieht man einen alten Mann (König Haakon VII.) im Schnee mit seinen Enkelkindern in einem Park spielen.
Als nächstes sind wir an der norwegischen Küste, wo ein General Kriegsschiffe zunächst unklarer Herkunft (die Engländer, Russen, Deutschen?) beobachtet, bis sich rausstellt, die deutsche Wehrmacht greift das neutrale Norwegen ohne Kriegserklärung an.
Dritter Angelpunkt ist die deutsche Gesandtschaft in Oslo, in der der Gesandte Curt Bräuer von dem Überfall genauso überrascht wird, wie die Norweger. Er hatte sich diesen Posten gesucht, weil er hoffte, sein neu geborenes Kind in einem friedlichen Land aufwachsen lassen zu können.
Hals über Kopf flieht die Königsfamilie (Haakon, sein Sohn Olav, dessen Frau Märthe und deren drei Kinder) mitsamt der Regierung und einigen norwegischen Abgeordneten aus Olso und widersetzen sich damit den Bestrebungen Hitlers, den Faschistenführer Quisling als Ministerpräsidenten einzusetzen.

Dieser König fühlt sich den Norwegern und seinem Gewissen verpflichtet. Er trifft seine Entscheidungen aus dieser Haltung heraus, was ihm nicht den Konflikt erspart, damit das Land in einen ungewollten Kriegszustand zu führen. Der Film macht diesen Konflikt deutlich, zeigt das Ringen des Königs, seines Sohnes und der Regierung um die „beste“ Lösung; sie sind sich nicht unbedingt darüber einig, worin die besteht.
Mit den erwähnten drei Erzählsträngen geht es spannend weiter. Ein sehenswerter Film über Würde, Menschlichkeit, Aufrichtigkeit (und jeweils das Gegenteil) und das Bemühen, unter erdrückenden Umständen, eine Lösung zu finden, die mit der eigenen Ethik im Einklang steht.

Aus den Q&A und der Pressekonferenz:
Es wurde reichlich und gründlich recherchiert. Die handelnden Personen gab es alle, sogar den jungen norwegischen Soldaten Seeberg, der beispielhaft gezeigt wird und mit über 90 Jahren als Zuschauer an den Dreharbeiten teil nahm.
Auf Intitiative der aktuellen Königsfamilie gab es ein openair-screening vor über 10.000 Leuten (bei schönstem norwegischen Wetter: http://www.theroyalforums.com/60100-norwegian-royals-attend-screening-kongens-nei-jubilee-park/) – inclusive der Königsfamilie -, die ihn aus Anlass ihres 25jährigen Kronjubiläums, zum ersten Mal sah.

Auch bemerkenswert:
Auf der Pressekonferenz stellt ein aus Eritrea stammender Journalist viele interessante Fragen und drückt seine Verbundenheit mit Norwegen aus. http://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=201714102#tab=video10

8. Tag – Zoo-Palast

Erstmal hole ich bei allerschönstem Sonnenschein und frühlingshaften Temperaturen T. ab, die in der Akademie der Künste einen Film gesehen hat „Maman Colonelle“, dessen Q&A besonders spannend waren und beim Kampf um die seltenen Erden im Kongo landeten. http://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=201718650#tab=video25

Wir stärken uns mit Tee/Kaffee und Kuchen bevor wir nach gegenüber in den Zoo-Palast gehen. Da ist es ganz überraschend schwierig: kein etwas früheren Einlass, keine Sitzgelegenheit. Puh, anstrengend! Der Tipp, doch noch ‚ Kaffee trinken zu gehen und eine Trost- und Ergebnislose Diskussion darüber, wie es in den letzten Jahren im Zoo-Palast war, machen es nicht besser. Wir fügen uns und lenken uns mit interessanten Gesprächen ab.

Maudie

http://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=201712424#tab=filmStills

Maud Lewis, 1901 mit kaum ausgebildetem Kinn  geboren, im kargen Osten Kanadas, erkrankte schon als Kind an einer besonderen Form von Rheuma (juveniler Arthritis), die zu verschiedenen Fehlbildungen und erheblichen Schmerzen führte. Nachdem ihre beiden Eltern tot waren, wurde sie von ihrem Bruder mit über 30 Jahren bei ihrer lieblosen Tante untergebracht. Dort hatte sie ein Aschenputtel-Leben in Aussicht. Das wollte sie nicht! Sie befreite sich daraus, indem sie eine „Stelle“ bei Everett Lewis, selbst als Waisenkind im Heim aufgewachsen,  annahm, der in einer winzigen, erbärmlichen, einzeln stehenden Hütte vom Fischverkauf u.a. Tagelöhnertätigkeiten lebte. Auf Mauds Inititative hin heirateten sie und lebten fortan dort. Das war nicht einfach, Glück stellt man sich anders vor. Irgendwann beginnt sie zu malen, kleine Postkarten, bemalt die Wände des Hauses und alles, was ihr in die Finger kommt (Bretter, Backbleche, Steine, Muscheln,…). Das findet er gar nicht klasse, sie soll doch den Haushalt machen, läßt sich widerstrebend doch darauf ein, dass er solche Dinge übernehmen muss. Sie malt die Welt, so wie sie sieht https://duckduckgo.com/?q=Maud+Lewis&t=ffsb&iax=1&ia=images
 Mit ihren mit „naiven“ Motiven bemalten Postkarten wird sie bekannt, verkauft ihre kleinen Bilder (für immer noch wenig Geld) bis nach New York und Washington.

Für mich ist dieser Film Vieles:

  • eine dieser dramatischen Frauenbiographien, die zeigen, wie erbramungslos immer wieder mit Frauen umgegangen wird, wie sich diese Frau nicht ihrem Schicksal ergibt und mit Mut und Beharrlichkeit ihr Glück macht – wenn es schon nicht zu ihr kommt
  • eine Geschichte einer Frau mit Rheuma, die mich bewegt und zum Heulen bringt
  • die Geschichte einer sehr eigenwilligen Beziehung

Sally Hawkins und Ethan Hawke stellen dieses Paar überzeugend dar.
Überwältigend: Sally Hawkins!
Aisling Walsh, die irische Regisseurin, hat bisher hauptsächlich Filme fürs Fernsehen gemacht und macht klar, wie sehr ihr dieser Film, der berührt ohne rührseelig zu sein, ein Anliegen ist.

Nach ihrem Tod 1970 lebte Everett noch 9 Jahre in diesem Haus, bis er von einem Einbrecher umgebracht wurde.
Das Haus vergammelte, wurde restauriert und in einem Museum wieder aufgebaut: https://artgalleryofnovascotia.ca/maud-lewis