Als wir rauskommen, warten schon die nächsten Filmhungrigen. Hier strömen die Leute nur so.
JedeR gestaltet seine oder ihre Berlinale unterschiedlich.
Ch. erzählt z. B., dass sie während der Berlinale ein Zimmer an eine junge Chinesin untervermietet hat, die täglich 5 Filme gesehen hat. Das ist nachvollziehbar, besonders wenn man jung ist und von weit her kommt, aber wohl auch das Maximum, dessen was man hinbekommen kann.
Das wäre nichts mehr für mich, nicht nur weil ich dem konditionell nicht mehr gewachsen bin, sondern v. a. weil ich es inzwischen genieße, in die jeweiligen Themen einzutauchen und vor allem, mit anderen darüber zu reden. Das ist wirklich einfach toll.
Die Berlinale bietet so viele Einblicke in andere Länder, Themen, von denen ich vorher nichts ahnte oder welche, die mich sowieso beschäftigen, aber neue Sichtweisen zeigen.
Danke an alle, die mitgekommen sind und mir so schöne, intensive Tage geschenkt haben. Danke an alle, die dies hier lesen und hoffentlich Spaß daran hatten.
Spanien / Großbritannien / Deutschland 2017Englisch113 Min · Farbe
Wir sehen die Verfilmung des 1978 erschienenen Romans The bookshop von Penelope Fitzgerald: Ende der Fünfzigerjahre im verschlafenen ostenglischen Küstenort Hardborough, Florence Green, die ihren Mann im Krieg verloren hat und mit ihm die Liebe zu Büchern teilte will sich einen Traum erfüllen. Sie hat in dem kleinen verschlafenen Ort ein altes, leerstehendes Haus gekauft, in dem sie einen Buchladen eröffnet. Die Einwohner sind nicht gerade Leseratten, dafür sind sie misstrauisch, die einen lesen nicht, weil sie ungebildet sind, die anderen, die sich zur Aristrokratie zugehörig fühlen, sind unendlich arrogant und nur vordergründig freundlich. Aber sie schafft es, eröffnet den Buchladen, hat Erfolg damit. Sie bringt zeitgenössische Literatur wie Nabokovs „Lolita“ oder Ray Bradburys „Fahrenheit 451“ unter die Leute und wirbelt damit staub auf. Sie über die Bücher Zugang zu einem seit Jahrzehnten zurückgezogenem Mann, mit dem sie sich vorsichtig anfreundet. – Mehr verrate ich hier nicht.
Der Film ist eine Liebeserklärung an Bücher und das Lesen – mit wunderschönen Bildern, liebevoller Ausstattung und trockenem englischen Humor. Es geht um Angst, um Mut und eine verkrustete korrupte Gesellschaft.
Wir sehen das englische Original mit deutschen Untertiteln – das ist optimal!
Leider keine Ansage mehr, keine Q&A, – langsame Umstellung auf das „normale“ Kino.
Den letzten Film sehe ich mit Ch. am Berlinale-Publikumstag. Wir sind früh da und es ist schon die Hölle los. Links gehen die Leute vom vorherigen Film raus, rechts warten die für den nächsten – und wir.
Was für ein Gewusel! Zum Glück sind auch die Karten nach Gruppen unterteilt und so begrenzt sich das Chaos etwas.
Die Preisverleihung hat statt gefunden und es gibt einige Überraschungen. Unsere Bewertungen besprechen V. und ich noch in der Nacht bevor sie wieder nach Basel zurückfährt. Wir sind einfach im Berlinalefieber.
Touch me not hat bei vielen Leuten Befremden ausgelöst. Es sind wohl viele Leute aus der Vorstellung gegangen, nun hat der Film einer rumänischstämmigen Regisseurin den goldenen Bären gewonnen. Laut Filmbeschreibung geht es um Intimität und Sexualität. Anderen Menschen bei Intimität und Sex zuzuschauen, fühlt sich schnell voyeuritisch an, das könnte das Problem sein.
Im Film Dovlatov waren wir begeistert von der Ausstattung – Elena Okopnaya hat einen silbernen Bären dafür bekommen und der Film den Morgenpost-Leserpreis!
V. und B. hatten während der Berlinale mit einigen vom paraguayanischen Filmteam von Las Herederas einen feuchtfröhlichen Abend und so ist die Mitfreude groß, dafür dass sowohl der Film, als auch die Hauptdarstellerin jeweils einen silbernen Bären bekommen. Auf der Preisverleihung sagt der Regisseur „Paraguay ist ein sehr konservatives Land“, insofern ist es sicher was Besonderes, dass ein Film mit lesbischen Hauptfiguren nun in Berlin mehrere Preise gewonnen hat. Durch die unterschiedlichen Verbindungen nach Paraguay bekommen wir vielleicht auch noch was davon mit, wie das in Paraguay aufgenommen wird.
Małgorzata Szumowska bekommt den „Großen Preis der Jury“ für Twarz (Gesicht), in dem sie sich mittels schwarzem Humor mit der polnischen Gesellschaft auseinander setzt. Ich hoffe, der kommt hier auch in die Kinos.
Zum ersten Mal ist Ruanda mit einem Film vertreten – und Samuel Ishimwe bekommt für Imfura einen silbernen Bären als bester Kurzfilm. – Nebenbemerkung: Er ist neben Anke Engelke an diesem Abend von allen am schönsten angezogen!
The silence of others habe ich schon erwähnt, er bekam zudem noch den Friedensfilmpreis.
Wir gehen einen möglichst großen Teil des Weges unterirdisch weil es draußen so saukalt ist. Dabei begegenen wir Menschen mit dem Berlinale-Erschöpfungssyndrom, das ich trotz der durch Vernunft begrenzten Filmzahl auch langsam spüre.
Wir helfen uns mit möglichst viel Zucker auf die Beine
und reden lange über den Film: die Bedeutung von Ritualen und Orten dafür wie Beerdigungen und Friedhöfen; darüber, wie beeindruckend wir den Film fanden; was es ausmacht, nicht einfach zu versuchen, zu vergessen, sondern sich den Dingen zu stellen; Menschen wie Ereignisse in ihrem Kontext zu würdigen und dafür einen Ausdruck und eine From zu finden,… und wie kommt es, dass wir so wenig über diese Themen in anderen Länder wissen, obwohl wir uns dafür interessieren.
Ich war noch nie in Spanien, aber falls ich dort mal hinkommen sollte, werde ich immer an den Filmausschnitt denken, in dem die alte Frau Blumen an einer Leitplanke befestigt und sagt, dass dies hier ein Massengrab ist – hier, wo die Straße verläuft.
Kurz gesagt, geht es um das 1977 vom spanischen Parlament beschlossene Amnestiegesetz, das nicht nur die Freilassung aller politischen (linken) Gefangenen garantiert, sondern auch jegliche Strafverfolgung der unter Franco stattgefundenen Diktaturverbrechen verbietet. Ein ungeheuerlicher Schachzug, der bis heute verhindert, dass Mörder und Folterer von damals belangt werden können.
Das bedeutet, dass der Peiniger eines der Protagonisten unbehelligt nur ein paar Ecken entfernt von seinem Opfer in Madrid wohnt, dass alte Frauen, ihr Leben lang darum kämpfen, zu wissen, in welchem Massengrab ihre ermordeten Eltern liegen und sich wünschen, wenigstens mit deren Gebeinen zusammen beerdigt zu werden, dass Menschen nicht zur Ruhe kommen, weil nicht darüber gesprochen wird, was damals geschehen ist. Es kommt auch noch zu Tage, dass Müttern, die nicht systemkonform waren und vielleicht auch noch unverheiratet, in einer andalusischen Geburtsklinik gesagt wurde, ihr Kind sei tot – um es ihnen weg zu nehmen und in andere Familien zu geben.
Aus der Filmbeschreibung weil es so treffend ist: Über einen Zeitraum von sechs Jahren sprachen die Filmemacher mit Opfern, Angehörigen und Menschenrechtsanwälten über deren langjährigen Kampf um Schuldeingeständnisse und eine Aufhebung des Amnestiegesetzes. Sie dokumentieren, wie eine Bewegung buchstäblich vom Küchentisch aus große Aufmerksamkeit gegen verdrängtes Unrecht erzeugen und einen international angelegten Prozess bewirken konnte, bei dem gegen 20 ehemalige Täter des Franco-Regimes Haftbefehle ausgestellt wurden. Intelligent montiert und in symbolhafter Bildsprache zeichnet der Film ein Abbild einer noch immer zwischen Vergessen und Vergangenheitsbewältigung tief gespaltenen Gesellschaft.
Der Gruppe von engagierten Menschen gelingt es – ausgerechnet über ein argentinisches Gericht – überhaupt die Aussicht auf Strafverfolgung zu erreichen, weil Straftaten wider die Menschenrechte keiner Verjährung oder Amnestie unterliegen. Die argentinische Richterin sagt (sinngemäß) einen einfach klingenden, aber im Zusammenhang überwältigenden Satz: „Das berührt mich sehr, aber jetzt muss ich damit sachlich umgehen.“
Die Frage, die wir uns stellen: Warum wussten wir davon bisher nichts? Das spielt sich immerhin in Europa ab. Wir sind uns einig, dass nicht nur das Thema heftig ist, sondern dieser Film ausgezeichnet gemacht, geradezu komponiert ist! – Ich finde er sollte unbedingt einen Preis bekommen – und während ich hier schreibe, bekomme ich mit, dass er den Panaorama-Publikums-Preis für Dokumentarfilme bekommen wird. Super, das freut mich sehr!
Außer diesem Film befasst sich mindestens ein weiterer Berlinalefilm mit dem selben Thema, er kommt aus Uruguay und lief im Forum: One or two Questions von Kristina Konrad (Deutsche Co-Produktion!)
Und noch ein Buchtipp dazu: Jaume Cabrés „Die Stimmen des Flusses“
Das war eine kurze Nacht: spät nach Hause, dafür früh aufstehen. Aber: Ich habe mich für das Ticket-Ziehen im Parkhaus vorbereitet!
Eine Arterienklemme ist zwar vielleicht etwas unpassend, aber damit sollte es gehen… Doch zum Glück finde ich draußen einen Parkplatz und spare außerdem noch viel Geld.
Ich habe mir extra etwas Zeit genommen, um zu fotografieren.
Aber es ist so lausig kalt am Potsdamer Platz, dass ich mir das ohnehin geringe Treiben lieber einfach von innen ansehe:
Es ist spät, aber wir sind hungrig und durstig, deshalb gehen wir nicht in eine Bar, sondern in das nicht sehr gemütliche vietnamesische Restaurant, das V. und ich schon vom letzten Jahr kennn. Eigentlich schließen sie gerade, aber für uns werfen sie nochmal die Küche an. Das Essen ist sehr lecker, wir reden über den Film, das Kino und die Kunst an sich – haben einen anregenden Abend und R. fährt uns durch die nächtlich leere Stadt jeweils nach Hause.
Es geht um zwei alte Männer: den 80-jährigen Übersetzer Ali Ungár und den 70-jährigen Georg Graubner, – Alis Eltern wurden von Georgs Vater während des Krieges ermordet. Die beiden ungleichen Männer gehen zusammen auf die Reise an die Orte der Vergangenheit. Besonders am Anfang gibt es skurrile Szenen, die die beiden großartigen Schauspieler (Jiří Menzel und Peter Simonischeck) tragen und wirklich komisch sind. Im Laufe der Zeit wird es dichter und tragischer.
Das Besondere an diesem Film ist für mich, dass er keine Lösungen anbietet, wo es auch keine gibt, statt dessen gibt es Gespräche und ernsthaftes Interesse am Schicksal des jeweils anderen und dem, was das auch für die folgenden Generationen bedeutet.
Spannend: Der Film spielt in der Slowakei, der Regisseur ist Slowake, einer der Protagonisten Österreicher, der andere Tscheche. Das ist in der aktuellen politischen Situation dieser Länder und dem historischen Hintergrund bedeutsam.
Hier ist schon der rote Teppich aufgebaut, denn vor dem Film gibt es die Verleihung einer „Ehrenkamera“ und wir sehen wieder eine Weltpremiere.
Dafür, dass wir so früh hier sind, ist es schon ziemlich voll. Wir dürfen schon mit dem Fahrstuhl, der gleich neben den Bierkästen hinter dem Kassenschalter ist, hochfahren. Zum Glück! Wie sich später rausstellt, ist der Einlass reichlich spät und erstmalig während dieser Berlinale erlebe ich übelgelaunte Besucher und viel Gedrängel.
So haben wir es aber gut und genießen das voller Freude. Wir dürfen sogar schon ins Kino, suchen uns schöne Plätze und bekommen die letzten Vorbereitungen des Teams mit. Alle sind ziemlich aufgeregt.
Während dessen läuft V. noch vom Alex zum Kino, denn die U 2 fährt derzeit nicht. Sie kann sich aber zu uns durchwurschteln und dann kommen auch schon die Leute, die zum Film gehören und genau in der Reihe vor uns sitzen. (Leider etwas unscharf, aber spektakulär).
Dann hält Dieter Kosslick eine seiner eigenwilligen, aber herzlichen Reden auf Jiří Menzel, einen der beiden Hauptdarsteller des nächsten Films. Er ist leider nicht da und Peter Simonischek nimmt die Kamera in Vertretung entgegen.
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